Fremdgesteuert oder selbstbestimmt? Wie viel Macht haben Sie über Ihr Leben?

Ein Beitrag von wikiSana, dem digitalen Gesundheitszuhause der QS24 Familie

Was wäre, wenn das Gefühl der Ohnmacht nicht einfach ein Schicksal ist, sondern ein erlerntes Muster? Selbstbestimmt leben zu können, beginnt mit der Erfahrung von Selbstwirksamkeit. Selbstwirksamkeit bedeutet nicht, alles allein schaffen zu müssen. Sie beschreibt vielmehr die Erfahrung: Das eigene Handeln kann etwas verändern. Genau diese Kraft stand im Mittelpunkt des Gesprächs mit Prof. Dr. Lucian Hartmut Schröder, Oliver Brünner, Prof. Dr. Albrecht Hempel und Dr. med. Petra Wiechel. Denn selbstbestimmt zu leben bedeutet auch, die eigene Wirksamkeit wieder wahrzunehmen. Für wikiSana wird damit eine Frage greifbar, die Gesundheit, Beziehungen und persönliche Entwicklung berührt: Wo kann ein Mensch wieder beginnen, sich als Gestalter des eigenen Lebens zu erleben?

Dieser Artikel gibt Ihnen einen ersten Einblick in das Thema.
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Inhaltsverzeichnis

Selbstwirksamkeit beginnt mit Resonanz

Was verstehen die Experten unter Selbstwirksamkeit?

Prof. Dr. Lucian Hartmut Schröder beschreibt Selbstwirksamkeit als Gegenpol zur erlebten Hilflosigkeit. Sie entsteht dort, wo Menschen erfahren, dass ihr Tun eine Wirkung hat. Das kann eine kleine Entscheidung sein, ein erlerntes Können oder das Gefühl, bei anderen Menschen wirklich anzukommen.

Eine wichtige Grundlage dafür sei Resonanz. Menschen möchten spüren, dass sie wahrgenommen werden, dass ihre Gefühle und Bedürfnisse nicht übergangen werden. Gerade in Krankheit, Krisen oder Verlustsituationen sei dies bedeutsam. Wer sich nur als Fall, Diagnose oder Funktion behandelt fühlt, verliert leicht den Kontakt zur eigenen Gestaltungskraft.

Selbstwirksamkeit bedeutet dabei nicht, dass alles gelingt. Sie zeigt sich auch darin, nach einem Rückschlag erneut aufzustehen, Hilfe zu holen oder in einer schwierigen Lebensphase Entscheidungen mitzutragen. Selbst am Lebensende kann es Ausdruck von Würde sein, gehört zu werden und mitbestimmen zu dürfen, was geschieht.

Warum sind diese Erfahrungen schon in der Kindheit so prägend?

Kinder brauchen die Erfahrung, dass sie lernen, gestalten und wachsen können. Wenn sie immer wieder hören, etwas sei zu schwer oder sie seien für bestimmte Aufgaben nicht geeignet, kann daraus eine innere Blockade entstehen. Dann fehlt nicht zwingend Fähigkeit, sondern zunächst die Erwartung, überhaupt etwas bewirken zu können.

Prof. Dr. Schröder verweist auf den Pädagogen Albert Bandura, der Selbstwirksamkeit als zentral für Lernprozesse beschrieb. Ein Kind, das beim Laufenlernen immer wieder stürzt und dennoch erneut aufsteht, macht genau diese Erfahrung. Nicht Perfektion ist der Motor, sondern die wiederholte Begegnung mit der eigenen Fähigkeit, weiterzugehen.

Damit öffnet sich der Blick auf die nächste Frage: Was geschieht, wenn ein Mensch früh mit Urteilen, Diagnosen oder Begrenzungen konfrontiert wird?

Person hält ein Smartphone mit wikiSana Suchergebnissen in der Hand

Wenn fremde Urteile das eigene Bild bestimmen

Wie kann ein Mensch sich aus abwertenden Zuschreibungen lösen?

Oliver Brünner erzählt von Erfahrungen, in denen andere ihn als Sorgenkind, unheilbar oder geistig behindert bezeichneten. Sein entscheidender Schritt bestand darin, solche Aussagen nicht als endgültige Wahrheit anzunehmen, sondern als Meinung anderer Menschen. Diese Unterscheidung kann befreiend sein: Eine Diagnose oder ein Urteil beschreibt eine Sichtweise, aber nicht zwangsläufig das ganze Wesen eines Menschen.

Schon im Kindergarten suchte Brünner eigene Wege. Weil seine Finger nicht so funktionierten, wie es von ihm erwartet wurde, begann er mit dem Mund Lego zu bauen. Aus einer Begrenzung wurde eine Suche nach Möglichkeiten. Das Ergebnis war nicht nur ein gebautes Objekt, sondern die unmittelbare Erfahrung: Es kann dennoch gehen.

Diese Geschichte ist kein Aufruf, Schwierigkeiten kleinzureden. Sie zeigt vielmehr, wie entscheidend es sein kann, von der Frage „Warum kann ich das nicht?“ zur Frage „Wie könnte es auf meine Weise gehen?“ zu wechseln.

Welche Rolle spielt Selbstreflexion bei alten Mustern und Verletzungen?

Unbewusste Glaubenssätze können Menschen fernsteuern. Wer früh gelernt hat, nicht zu genügen, nicht wichtig zu sein oder bestimmte Dinge nicht zu können, reagiert später möglicherweise aus diesem inneren Muster heraus, ohne es sofort zu bemerken. Oliver Brünner bezeichnet Selbstreflexion deshalb als Schlüssel, um solchen Prägungen zu begegnen.

Es geht nicht darum, die eigene Vergangenheit pauschal zu verurteilen. Vielmehr darf sichtbar werden, welche Überzeugungen heute noch Entscheidungen, Beziehungen und Selbstbilder beeinflussen. Erst was erkannt wird, kann neu bewertet werden. Gerade jene inneren Sätze, die so selbstverständlich wirken, dass sie kaum auffallen, verdienen Aufmerksamkeit.

Gesundheit nicht nur verwalten, sondern mitgestalten

Was bedeutet Selbstwirksamkeit im medizinischen Alltag?

Dr. med. Petra Wiechel beschreibt eine Haltung, in der der Mensch nicht auf seine Diagnose reduziert wird. Für sie steht am Anfang die Frage: Wer ist dieser Mensch, wofür ist er da und welche eigenen Kräfte bringt er mit? Kein Lebensweg lasse sich mit einem anderen vergleichen.

Gerade bei schweren Diagnosen könne es wichtig sein, nicht vorschnell in Zukunftsängsten zu leben. Wenn jemand beispielsweise mit einer chronischen Erkrankung konfrontiert wird, sollte der Blick nicht ausschliesslich auf befürchtete Einschränkungen gerichtet sein. Die Frage nach dem persönlichen Umgang, nach Ressourcen und nach dem, was ein Mensch selbst in die Hand nehmen kann, gehört für Dr. Wiechel in eine ganzheitliche Begleitung hinein.

Das bedeutet nicht, medizinische Behandlung abzulehnen oder Verantwortung bei Erkrankten abzuladen. Im Gegenteil: Gute Begleitung kann Menschen darin stärken, informiert mitzuentscheiden, Fragen zu stellen und ihre eigenen Möglichkeiten wahrzunehmen. Unterstützung und Selbstwirksamkeit sind keine Gegensätze.

Wo beginnt Eigenverantwortung im Alltag?

Die Gesprächsrunde verbindet Selbstwirksamkeit mit alltäglichen Entscheidungen: Ernährung, Umgang mit Stress, persönliche Werte und die Bereitschaft, die eigene Lebensführung ehrlich anzuschauen. Dabei sei das innere Mindset ein wesentlicher Faktor. Wer sich dauerhaft als ausgeliefert erlebt, verliert leichter den Zugang zu Handlungsmöglichkeiten.

Prof. Dr. Lucian Hartmut Schröder erinnert daran, dass Selbstwirksamkeit nicht immer allein aus dem Inneren entsteht. Manchmal braucht es pädagogische, therapeutische oder menschliche Anstösse. Ein Gespräch, ein Vorbild, ein Impuls oder eine neue Erfahrung können den Anfang markieren.

Smartphone zeigt ein Interviewvideo auf der wikiSana Plattform

Mit Selbstmitgefühl die innere Zusammenarbeit stärken

Was meint Prof. Dr. Hempel mit dem Bild der inneren Klasse?

Prof. Dr. Albrecht Hempel beschreibt den Menschen als Zusammenspiel verschiedener innerer Kräfte: Gefühle, Verstand, Werte, verletzte kindliche Anteile, Körper und Selbstbild. Belastende Erfahrungen können sich dabei wie eingefrorene Erinnerungen anfühlen, die viel Energie kosten, weil sie unbewusst vermieden oder abgesichert werden.

Sein Bild der „inneren Klasse“ lädt dazu ein, morgens für einige Minuten nach innen zu schauen. Welche Stimme ist gerade besonders laut? Welcher Anteil braucht Unterstützung? Wenn ein innerer Anteil Widerstand zeigt, soll er nicht bekämpft, sondern verstanden werden. Diese Haltung nennt Hempel Selbstmitgefühl.

Die Idee dahinter ist einfach: Wer mit sich selbst in einen kooperativen Umgang kommt, kann auch im Alltag klarer handeln. Die Geschwindigkeit der inneren „Klassenfahrt“ werde durch das schwächste Glied bestimmt. Statt sich selbst bei Schwäche noch zusätzlich unter Druck zu setzen, kann es hilfreicher sein, Unterstützung, Ruhe oder einen realistischen nächsten Schritt zu ermöglichen.

Welche kleine Übung lässt sich daraus ableiten?

Die Runde empfiehlt keine Patentrezepte, aber einen bewussten Moment der Selbstwahrnehmung. Eine mögliche tägliche Frage lautet: „Was ist heute in mir und was braucht es, damit ich gut durch diesen Tag gehen kann?“

Das kann bedeuten, eine Pause einzuplanen, einen Konflikt nicht impulsiv zu beantworten, ein Gespräch zu suchen oder eine konkrete Unterstützung anzunehmen. Es geht nicht darum, schwierige Gefühle wegzuerklären. Sie sollen wahrgenommen, verstanden und, wenn nötig, neu eingeordnet werden.

Dankbarkeit, Mut und die Bereitschaft, Hilfe anzunehmen

Warum ist Resonanz auch eine Verantwortung gegenüber anderen?

Selbstwirksamkeit wächst nicht im luftleeren Raum. Dr. Wiechel schildert eine Alltagsszene, in der eine Verkäuferin trotz technischer Schwierigkeiten geduldig eine grosse Anzahl Pakete entgegennahm. Die spätere Anerkennung mit einem Blumenstrauss machte sichtbar, wie viel eine kleine Geste auslösen kann.

Dankbarkeit steht für die Runde vor Selbstverständlichkeit. Wer einem anderen signalisiert „Schön, dass Sie da sind“ oder „Danke für Ihre Mühe“, schafft Resonanz. Und Resonanz kann Menschen in ihrem Wertgefühl stärken. Kleine Handlungen entscheiden mit darüber, ob der Alltag als kalt und beschleunigt oder als menschlich und verbunden erlebt wird.

Ist Hilfe anzunehmen ein Zeichen von Schwäche?

Nein. Oliver Brünner betont, dass Hilfe anzunehmen selbst ein Ausdruck von Selbstwirksamkeit sein kann. Scham hindert viele Menschen daran, andere um Unterstützung zu bitten. Doch wer Hilfe annehmen kann, überschreitet oft eine innere Grenze und ermöglicht echte Verbindung.

Selbstbestimmung heisst nicht, alles ohne andere bewältigen zu müssen. Sie heisst, den eigenen Bedarf wahrzunehmen und aktiv zu handeln. Hilfe zu geben und Hilfe anzunehmen können zu einer Kette werden, in der sich Menschlichkeit weiterträgt.

Selbstwirksamkeit in der Medizin: Patient sein und Person bleiben

Was kritisiert Prof. Dr. Schröder am heutigen Gesundheitssystem?

Prof. Dr. Schröder stellt nicht die Bedeutung von Medikamenten, Operationen oder Pflege infrage. Seine Kritik richtet sich gegen eine Haltung, in der Menschen nur noch möglichst regelkonform funktionieren sollen. Wenn Betroffene nicht erfahren, was sie selbst beitragen können, droht Selbstwirksamkeit verloren zu gehen.

Er erinnert an den Onkologen Gerhard Nagel, der nach einer eigenen Krebserkrankung eine Praxis für Patientenautonomie und Patientenkompetenz aufbaute. Der entscheidende Gedanke lautet: Medizinische Versorgung sollte nicht nur Verantwortung übernehmen, sondern Menschen nach Möglichkeit wieder in ihre eigene Handlungsfähigkeit bringen.

Was bedeutet das konkret? Fragen stellen. Entscheidungen verstehen. Eigene Bedürfnisse aussprechen. Unterstützung einfordern. Und gemeinsam mit medizinischen Fachpersonen nach Wegen suchen, die sowohl fachlich verantwortbar als auch persönlich stimmig sind.

Was bleibt als wichtigste Erkenntnis?

Selbstwirksamkeit ist keine Leistungsschau. Sie ist die Erfahrung, im eigenen Leben nicht vollständig fremdgesteuert zu sein. Sie wächst durch kleine Erfolge, ehrliche Selbstreflexion, tragfähige Beziehungen, Mut und die Bereitschaft, Hilfe zuzulassen.

Ein guter nächster Schritt kann sehr klein sein: Nehmen Sie sich heute fünf Minuten Zeit und fragen Sie sich, wo Sie gerade aus einem alten Urteil heraus handeln. Vielleicht finden Sie nicht sofort eine Lösung. Aber eine neue Frage kann bereits eine neue Richtung eröffnen.

Grafik mit wikiSana präsentiert und KI-Sana Schriftzug

Häufige Fragen zu Selbstwirksamkeit

Was bedeutet Selbstwirksamkeit?

Selbstwirksamkeit beschreibt die Erfahrung, durch das eigene Denken, Entscheiden und Handeln etwas bewirken zu können. Sie bedeutet nicht, alles kontrollieren oder allein schaffen zu müssen.

Wie kann Selbstwirksamkeit im Alltag wachsen?

Sie wächst durch konkrete Erfahrungen: einen kleinen Schritt umsetzen, nach einem Rückschlag erneut beginnen, Unterstützung holen und eigene Fortschritte wahrnehmen.

Warum ist Resonanz für die Gesundheit wichtig?

Resonanz bedeutet, sich gesehen, gehört und als Person ernst genommen zu fühlen. Die Gesprächsrunde betrachtet sie als wichtige Grundlage für Selbstwert, Beziehung und die Fähigkeit, selbst wirksam zu handeln.

Wo ist das vollständige Gespräch verfügbar?

Das vollständige Gespräch mit Prof. Dr. Hartmut Schröder, Oliver Brünner, Prof. Dr. Albrecht Hempel und Dr. med. Petra Wiechel ist in voller Länge auf wikiSana im Mitgliederbereich zu sehen.

Ein Gedanke zum Mitnehmen

Die Runde macht deutlich: Der Mensch ist mehr als seine Vergangenheit, mehr als ein Urteil und mehr als eine Diagnose. Selbstwirksamkeit beginnt dort, wo der eigene Einfluss wieder sichtbar wird. Manchmal im grossen Lebensschritt. Oft aber in einer Haltung, einer Frage, einer kleinen Geste oder im Mut, nicht länger gegen sich selbst zu arbeiten.

Wer diese Sendung in voller Länge sehen möchte, findet sie im Mitgliederbereich auf wikiSana.

Wer diesen Weg vertiefen möchte, findet in der Ausgabe des QS24 Gesundheitskompass weitere Beiträge, die Gesundheit aus schulmedizinischen und ganzheitsmedizinischen Blickwinkeln beleuchten.

Gesundheit beginnt mit Wissen und Wissen beginnt mit den richtigen Fragen. Wir von wikiSana laden Sie ein, diesen Weg mit uns weiterzugehen.

Herzlich, Ihre wikiSana Familie.

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